Donnerstag, 23. März 2017

ESC 2017 - Meine Top 20 nach dem ersten Anhören


Seit dem letzten Wochenende ist es nun klar, welche 43 Künstler*innen mit welchen Liedern beim ESC 2017 in Kiew antreten werden. Celebrate Diversity heißt das Motto - und divers sind diese Lieder dieses Jahr ganz sicher. Und verdammt gut. Ganz ehrlich, man kann von meinem Geschmack halten, was man möchte, aber dieses Jahr ist mit dem stärksten ESC ever ever zu rechnen. Das sieht man daran, dass es Levina aus Deutschland schwer haben dürfte, an den Top 20 zu kratzen - und das völlig zurecht, denn die 20 Songs, die ich hier erwähne sind eindeutig gefälliger und besser als der deutsche Beitrag. 



Für mich überraschend ist der belgische Titel "City lights" von der Sängerin BLANCHE, der gewinnen müsste, wenn es nach mir ginge. Das ist ein Song, den ich mir auch außerhalb des ESC anhören würde. Er ist Indie, er ist frisch, er ist ein wenig Elektro, die Stimme ist kühl, der Beat treibt einen mit, das Lied, hat einfach alles, was es braucht, um ein Ohrwurm zu werden. Keine klare Nummer 1 wie Euphoria damals, aber ein bisschen stärker als der Portugiese, der vielleicht das schönere, ruhigere Lied performt - noch dazu in der Landessprache und wirklich gekonnt. Salvador Sobral singt ein zeitloses Lied, das auch beim ersten ESC hätte teilnehmen können. Es ist traurig-melancholisch, es ist wunderbar-tragisch - Amar Pelos Dios. Zauberhaft. Ebenso das finnische Lied, wie alle in der Top 5 eine riesengroße Überraschung. Auch bei diesem Lied stimmt alles: die fabelhafte Norma John zeigt hier großes Kino mit Blackbird don't sing. Die Klavierbegleitung ist wunderschön, macht das alles episch. Mei, war Finnland außer mit Lordi jemals so stark bei einem ESC?
Es geht kurios weiter: ausgerechnet Ungarn (das in den letzten Jahren weniger mit Weltoffenheit und Respekt vor Minderheiten geglänzt hat) lässt Joci Pápai mit Origo starten. Ein ganz besonderes Lied, mit Rap und Elementen aus der Roma-Musik gepickt. Mutig! Stark! Francesco Gabbani mit Occidentali's Karma aus Italien ist nicht zu unrecht der Favorit bei den Wettmachern. Verdient aus meiner Sicht, versprüht es doch so viel Lebensfreude und so viel Humor. Das könnte tatsächlich das Konsens-Lied werden. Der sympathische Sänger hat so viel Aura, der könnte echt das Rennen machen. 
Die nächsten beiden Lieder sind coole Elektro-Pop-Lieder mit Niveau aus Lettland und Aserbaidschan, sowohl Triana Park als auch Dihaj haben zwar keine Chancen zu gewinnen, aber so viel coolere Lieder als Levina. ;-) Auf Platz 8 und 9 folgen englischsprachige Länder, Großbritannien mit Lucie Jones und ihrem "Never give up on you" und der genauso schöne Isaiah aus Australien mit "Don't come easy" zeigen, was Pop-Balladen alles so können. Verführerisch! Auf Platz 10 ist für mich Frankreichs Alma mit ihrem Chanson "Requiem", das frisch, modern und kosmopolitisch ist. 
Dass die weißrussische Band NAVIBAND mit "Historyja Majho Zyccia" mit einem Vorzeige-ESC-Lied nur auf Platz 11 ist, zeugt genauso von der Stärke des Bewerbs wie Platz 12 und 13, die an die Schweiz und Schweden mit sehr gefälligen, rhythmischen Liedern gehen und die mit besonders hübschen Sänger*innen und Tänzer*innen aufwarten. Da stimmt alles und sie und trotzdem für mich nicht in den Top Ten. Uff!
Der mazedonische Beitrag von Jana Burčeska, "Dance Alone", ist ebenfalls guter Pop mit eingängigem Refrain und cooler Instrumentalisierung. In anderen Jahren hätte sie damit locker in die Top Ten kommen können. Das gilt ebenso für die Dänin Anja, die nichts falsch macht. Guter Pop, aber nichts Besonderes, kein Sieger-Titel. "Where I am" ist sehr solide und noch ein Stück entfernt von Levina. 
Auf Platz 16, 17 und 18 folgen ganz süße Jungs mit schöner Stimme und gefälligen Liedern. Der schönste Mann des ESC (wurde gewählt) IMRI mit "Feel alive" aus Israel kriegt bei mir den Zuschlag, vor allem weil das Video mich so schön an Tel Aviv erinnert. Der goldige Kristian Kostov könnte vielleicht relativ weit vorne landen, sein Lied könnte aber etwas stärker sein, das reißt mich nicht ganz so vom Hocker. Ähnliches gilt für den Starter Österreichs Nathan Trent: schön anzusehen, gut anzuhören, aber nicht ganz top!
Selbst die Plätze 19 und 20 höre ich mir gerne an, sie sind beide etwas cheap, aber halt auch cheasy: die Serbin Tijana Bogićević mit "In Too Deep" könnte eine Rolle um die ersten Plätze spielen, wenn sich der Balkan auf sie als Titel-Anwärterin einigt - auch wenn ich die Mazedonierin lieber vor ihr sähe. Das Team aus Estland bringt einen Nineties-Hit an den Start, könnte von Dieter Bohlen stammen und wird ein paar Punkte aus dem Ostblock erhalten. :-) Aber warum sie "Verona" besingen? Ob das Koit Toome and Laura jemals beantworten werden? 
Das ist alles subjektiv und wenig begründet hier. 20 gute Lieder bei einem ESC - das ist schon was! :-)

Dienstag, 21. März 2017

Welttag der Poesie: Ein Gedicht


#sprachenwirrwar

In einem Sprachbad bin ich aufgewachsen
elsässischbadischdeutschgriechischtürkischkroatischfranzösisch
Wörter gab es viele, von vielen
Mutter sagte Schließ das παράθυρο [paráthyro]
Und Serge, mein Nachbar, spuckte immer aufs Trottoir
Und die anderen sprachen es Trottwa aus
Ich sagte Bürgersteig
Wenn wir Fußball auf der Straße spielten
Schrien plötzlich Kinder Araba geliyor
Und ich konnte mich vor dem Auto hinter meinem Rücken in
Sicherheit bringen
Serges Vater sagte: Herrsch mol dü
Und wollte meine Aufmerksamkeit für sich
Und meine Lehrer benutzten Wörter wie trivial und Substantiv
Und ich trat gegen meine Mitschüler im Quiz an
Ein Bild wurde gezeigt und ich schrie die französische Vokabel heraus
Fenêtre und voiture und rue
Und nachmittags saß ich gefangen an einem Tisch
Und überlegte, welches i und welches o und welches e
Ich in diesem und jenem griechischen Wort zu schreiben hatte
Und dann fragte mich abends auf dem Nachhauseweg eine Frau
Wem ghersch du denn? Wer bisch du denn?
Und ich wusste nicht, wer ich bin und zu wem ich gehörte –

#jesuisjannis und #ichbinich und #ichgehörenurmirselbst und #benbenim und #είμαιεγώ

Dienstag, 14. März 2017

Jannis trifft ....Talkshow- und Literatur-Abend

Bild: Vivien van Deventer



  • Donnerstag, 16. März, Einlass ab 19:30 


    HdB Frankfurt
    Gärtnerweg 62, 60322 Frankfurt am Main
In ihrer neuen Reihe "Literarische Begegnungen: Jannis trifft…" veranstaltet Vivien van Deventer, Bildungsreferentin und Kuratorin, zusammen mit dem Moderator Jannis Plastargias einen Talkshow- und Literatur-Abend mit jeweils zwei Frankfurter Autoren. Dabei soll es darum gehen, den Frankfurter Literaten, welche die Frankfurter Kulturszene mit ihren Ideen befruchten, ein bisschen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, sie näher kennenzulernen und sie den Bewohnern dieser Stadt lebendig zu machen. Die Literaten lesen ihre veröffentlichten und nicht veröffentlichten Texte vor und reden mit dem Moderator Jannis Plastargias über ihr Schreiben, über ihre Inspiration, philosophieren über Kunst, Musik und Film. Dabei werden ihnen kleine Improvisationsaufgaben gestellt, die sie lösen müssen, und das Publikum darf jederzeit in die Diskussion eingreifen und Fragen stellen.

In der ersten Ausgabe treffen zwei völlig unterschiedliche Charaktere und Genres aufeinander: die weit gereiste Thriller-Autorin Katja Bohnet, die Live-Sendungen für die ARD moderierte, im Kibbuz gearbeitet hat und nun mit ihren Kindern und Tonnen von Platten und Büchern in der Mainmetropole wohnt, und der Lyriker Marcus Roloff, dessen Gedichte ins Englische, Rumänische und Finnische übersetzt wurden und der bereits mehrere Gedichtbände beim Frankfurter Gutleut Verlag und nun bei Wunderhorn in Heidelberg veröffentlicht hat. Beide studierten Philosophie und Film- bzw. Kulturwissenschaften. Wird es noch mehr Gemeinsamkeiten geben?

Mit: Jannis Plastargias, Moderator und Vivien van Deventer, Kuratorin

Donnerstag, 16.03. 2017
19.30 Uhr
5.- € (keine Ermäßigung)

Sonntag, 12. Februar 2017

Undercover - Mosaik spezial


Salzburg ist nicht weit, Salzburg ist ein mosaik auf der Karte der Lesereihen und Literaturzeitschriften. Diesmal ist das mosaik-Team geladen, sich mit Salon Fluchtentier zu vermischen. Sie unterhalten einen Literaturblog und veröffentlichen Buchprojekte. Zeit und Freundschaft sind reif für Undercover + mosaik.
Undercover ist ein Konzept der Lyrikvermittlung under Diskussion. Die Autor*innen werden ein Gedicht, welches nicht von Ihnen ist, das sie auf dem mosaik-Bloggefunden haben, mitbringen und dem Publikum anonymisiert vorstellen. Sie als Publikum haben die Entscheidung zu treffen: welches ist das Gedicht des Abends.

Es lesen für Sie:

GRIT KRÜGER wurde 1989 in Erfurt geboren. Studium der Allgemeinen und
...Vergleichenden Literaturwissenschaft sowie der Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Frankfurt am Main; ein Teil des Studiums in Aberystwyth, Wales. Arbeit als Presseredakteurin und Lektorin; schreibt Experimentalprosa und Kurzprosa. Auszeichnungen des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen, Veröffentlichungen in Anthologien.

JULIA MANTEL studierte der angewandten Kulturwissenschaften in Lüneburg.
Seit 2000 Publikationen in zahlreichen Anthologien.
Lebt als Autorin, Sprecherin und Strickkünstlerin (
http://www.unvermittelbar.de/) in Frankfurt am Main.

SAFAK SARICICEK wurde 1992 in Istanbul geboren, machte er das Abitur an der Deutschen Schule Istanbul. Studiert Rechtswissenschaften in Heidelberg mit Auslandsjahr in Kopenhagen.ASFSafak Saricicek 1992 in Istanbul geboren, machte er das Abitur an der Deutschen Schule Istanbul. Studiert Rechtswissenschaften in Heidelberg mit Auslandsjahr in Kopenhagen.
Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften. Lyrikdebüt „Spurensuche“ im elif Verlag.
Er hat die Literaturgruppierung echolot . heidelberg mitbegründet und ist Redakteur der Law Review Studentische Zeitschrift für Rechtswissenschaft (StudZR).

ALKE STACHLER wurde 1984 in Timişoara/Rumänien geboren, wohnt in Augsburg. Von 2004 bis 2010 studiert sie Kunstgeschichte, Englische und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der dortigen Universität. Seit 2011 ist sie als Autorin und Lektorin tätig. Ihre Prosa- und Lyrikwerke veröffentlicht sie in Zeitschriften und Anthologien, 2014 war sie Preisträgerin der Literaturstiftung Bayern, 2015 Finalistin beim Irseer Pegasus. 2016 erschien dünner ort, ihr erster Lyrikband, in der edition mosaik.

Ort: Elfer Music-Club
Klappergasse 5-7
Einlass: 19.00h
Eintritt: 5/3 €


Dienstag, 31. Januar 2017

Marrakesch - Von Star Wars, neuen Flughäfen und dem Präsidenten


Die New York Times schlug kürzlich etwa 50 Orte in der Welt vor, die man 2017 unbedingt besuchen sollte, Marrakesch landete in dieser Liste auf Platz 11. Völlig zu unrecht, wie ich finde. So weit vorne gehört diese bunte und sicher sehr schöne Stadt ganz sicher nicht. Ich möchte nicht meckern, es war ein wunderbarer Urlaub mit wunderbaren Damen an meiner Seite. Wir hatten sehr viel Spaß und erlebten ganz tolle Dinge miteinander, aber auch nicht so schöne - gerade in Marrakesch ... 
Aber mal von Anfang an: der neue Flughafen, der im letzten Jahr eingeweiht wurde: Er ist schick und da der Boden permanent gesäubert wird, kann man da stets vom Boden essen. Es gibt auch ein paar wirklich nette Mitarbeiter*innen an diesem Flughafen, aber es gibt auch ... So hatten wir alleine am Flughafen schöne und nicht so schöne Erlebnisse. Auf dem Rückflug viel zu viel Übergepäck, was uns als Handgepäck gestattet wurde (ohne Aufpreis), doch auf der anderen Seite konnte ein Teil unserer Reisegruppe, der später ankam, nicht in Marrakesch bleiben und wurde sofort wieder nach Deutschland geschickt - das hätte man sicher auch etwas anders lösen können. Nun gut, der Fehler lag bei unseren Freunden, trotzdem. 
Wir hatten auch sehr schöne Unterkünfte und unser erster Taxi Fahrer war so nett und erstrecht der Junge, der uns dann abholte und zum Riad brachte: Hamza, der Goldige. Ich war schon etwas verliebt. Zunächst fand ich auch das Labyrinth in der Medina (Altstadt) irgendwie schön und idyllisch, doch als ich zum fünften Mal in drei Minuten einem Mofa fast zum Opfer gefallen wäre und zum zehnten Mal in fünf Minuten offensiv und unverschämt von der Seite angelabert wurde, ohne es zu wollen, entwickelte sich sehr schnell eine Abneigung gegen diesen Ort. Ich verstehe es, wenn Menschen, die nicht so viel Geld zur Verfügung haben, denken: wuhuu, da kommen reiche Ungläubige aus dem Westen, denen können wir ja mal ein bisschen Geld abknöpfen (sorry, aber!), doch ich möchte selbst entscheiden, wer mir den Weg erklären soll, wenn ich mich verirre (oder eben auch selbst suchen möchte, also keine Hilfe möchte!), ich möchte selbst nach schönen Dingen schauen und wenn ich mich für irgendwas interessiere, dann zeige ich schon mein Interesse. Ich zahle sogar viel zu viel dafür, wenn mir etwas gefällt, einfach weil ich die Handarbeit und die Mühe wertschätze (und weil es mich UNENDLICH stresst, um Geld zu feilschen!). Aber aufdrängen muss man mir gar nichts. Da habe ich keine Lust drauf. Diese Mentalität verstehe ich nicht und empfinde sie genauso als unhöflich wie es umgekehrt den Leuten mit mir gegangen ist. Doch ich war aus meiner Sicht nicht unhöflich, ich wollte einfach meine Ruhe haben. Wenn so etwas nicht akzeptiert wird, dann weiß ich halt auch nicht. So viel Feingefühl sollte man als Mensch schon haben - Kultur hin, Kultur her.
Marrakesch war einfach nicht mein Ort. Das heißt nicht, dass ich den Ort hasse, es heißt nicht, dass ich den Ort hässlich finde. Aber er ist auch nicht schön, so insgesamt. Manche Stadtteile sind heruntergekommen, schmutzig und gar nicht ansehnlich, andere sind aufgeputzt und ganz schön. Marrakesch hat den wunderbaren Jardin Majorelle, den ich hier bereits vorgestellt habe. Und sonst muss man echt lange suchen, bis man etwas Spannendes findet - das Fotografiemuseum zum Beispiel, das eine oder andere Restaurant oder Cafe, der eine oder andere Platz. Aber Platz 11 in dieser Liste??? Nein, wirklich nicht! Und dann diese unsägliche Djeema el fna: mit ihren Theaterstücken, Musikern, Boxkämpfen, Schlangenbeschwörern und viel zu vielen Menschen. Ich fühlte mich da extrem unwohl. Mal abgesehen davon, dass in jeder Minute ein anderer Tourist beklaut wird. 
Aber nun rückblickend kann ich sagen, dass ich in Marrakesch viel fürs Leben gelernt habe. Weil ich meinen Groll, meine grumpyness so leicht dort ausleben konnte, und es mich schon selbst nervte, musste ich neue Strategien lernen, den Urlaub trotzdem genießen zu können, wieder runterzukommen und zu versuchen, das Schöne in allem zu sehen. Das kostete etwas Kraft und nervte gelegentlich auch. Doch als ich nach Deutschland zurückkam und den ersten Arbeitstag hinter mir hatte, merkte ich, wie gelassen ich geworden bin. Die Mofas hatten es nicht geschafft mich zu töten, die ständigen Bittsteller*innen waren in Marokko anstrengender als alle meine Klient*innen, die ständig Unmögliches von mir verlangen (Wohnungen! Wohnungen! Wohnungen!), und die Langsamkeit in Marokko färbte eindeutig auf mich ab - letztendlich. Zwei Wochen Marokko hatten mich entschleunigt. Ich dachte plötzlich: wenn die so langsam sein können und es überleben, dann kann ich das auch. Ich bin entschleunigt - ich renne auf keine Trams, stopfe mich nicht in überfüllte Bahnen und bei der Arbeit wird erstmal mit allen Sprachmittler*innen, Securitys und mit den Klient*innen im Wartezimmer getratscht, bevor irgendwas gearbeitet wird. Und wenn die Klient*innen nicht mehr aufhören zu erzählen, lasse ich sie geduldig ausreden und denke: das gehört halt dazu - in Marokko passierte nichts ohne irgendeine Story, die nebenbei erzählt wurde. Es ist halt so ... :-) Deswegen habe ich im Nachhinein meinen Frieden mit Marrakesch geschlossen. Aber Platz 11? Niemals!!! ;)