Donnerstag, 31. Mai 2012

Berlin Bromley von Bertie Marshall


Heute stelle ich einmal ein älteres Buch vor, 2008 erschienen, welches ich damals für Radiosub rezensiert hatte. Da wir am Wochenende im Suff darüber gesprochen haben, fiel mir ein, dass es hier noch kein Berlin Bromley-Post gab, obwohl er hier sehr sehr gut reinpasst...
Berlin Bromley ist das Pseudonym von Bertie Marshall: der Vorname ist eine Reminiszenz an das Berlin der glamourösen goldenen Zwanziger Jahre. Diese faszinierten den jungen Mann, seitdem er den Film „Cabaret“ mit Liza Minelli sah. Auch ein Album von Lou Reed heißt so... Der Nachname lehnt sich an Bromley – der spießige Vorort Londons, in dem der fünfzehnjährige Tür an Tür mit Siouxsie Sioux von den späteren Banshees lebt. Der autobiografische Roman erzählt von der Zeit zwischen 1975 und 1978, als Berlin Bromley gemeinsam mit Siouxsie und vielen anderen Protagonisten der Punk-Szene im so genannten Bromley Contingent den Sex Pistols auf ihre Konzerte nachreisen und mit ihnen Partys feiern. In der Nachbarschaft wohnt ebenso die Familie David Bowies. Dessen Mutter schenkt den Marshalls als Gastgeschenk eine Platte von ihrem Sohn, einem Musiker, der gerade in den Anfängen ist. Berlin Bromley fällt auf, denn er sieht sehr androgyn aus, bewegt sich anders als die anderen Jungen, er schminkt sich und er lernt bald die verrückte Siouxsie kennen, mit der er um die Häuser zieht. Sie machen die schwullesbische Clubszene unsicher, vertreiben sich die Zeit im Laden von Vivienne Westwood und Malcolm McLaren, und pfeifen sich permanent Drogen ins Hirn. Der schüchterne Junge redet nicht viel, aber es gefällt ihm, sich verrückt anzuziehen und im Dunstkreis DER Szene Londons zu sein. Sie sind gegen diese Hippies, die sie verschmähen und von denen sie angeekelt sind. Berlin Bromley ist auch derjenige, der mit Siouxsie in den Pub geht, er auf allen Vieren, an einer Leine, von Siouxsie geführt, im Pub eine Schale Wasser ordert und sie ausschleckt, während das irritierte Publikum zuschaut. Sie übertreiben beide die Show, so dass sie von den wütenden Menschen hinausgeschmissen werden. 
Dies ist eine der Episoden, die Bertie Marshall in seiner Autobiografie erzählt. Er schildert eine verrückte, glitzernde Welt, in der ein Junge seine Homosexualität entdeckt, in die schwule Subkultur eintaucht und letztlich auf dem Straßenstrich landet. Er verlässt sein langweiliges spießiges Zuhause, das er nicht ertragen kann, um zugedröhnt in irgendwelchen Betten fremder Männer aufzuwachen. Seine Eltern verstehen seine Lebensweise, aber vor allem seine Art sich anzuziehen und seine Angewohnheit sich zu schminken, nicht. Ein ums andere Mal schmeißt die Mutter die teuren Kosmetika in den Müll. Berlin hält das nicht aus. Von der Schule ist er längst abgegangen, weil er auf der Jungsschule wegen seiner Androgynität gehänselt und verprügelt wurde.
Dieser Roman erzählt von einem Jungen, der sich selbst sucht, der einerseits desorientiert und zugedröhnt durch die Welt zieht, immer im neuesten Fummel, andererseits aber in Tagträume und alte Bücher flüchtet. Seine Lieblingsbücher sind Wild Boys von William S. Bourroughs, Tagebuch eines Diebes von Jean Genet und Goodbye to London von Christopher Isherwood. Seine Bibel hieß A to B and Back Again von Andy Warhol. Er erträumt sich und lebt die eigenen Fassungen dieser Geschichten. Häufig bezieht er sich in einzelnen Episoden auf diese Bücher, zum Beispiel als er einen Mann kennenlernt, mit dem er eine Affäre hat und der ein Krimineller ist.
Es ist eine glitzernde Welt und manchmal sehnt man sich als Leser danach, auch in diese Welt eintauchen zu dürfen. Doch gelegentlich fühlt man sich auch ein wenig von der Oberflächlichkeit dieser Welt abgestoßen:
Wenn wir keine Clubs oder Konzerte besuchten, dann strömten wir auf Partys. Jeder Anlass bot Gelegenheit, etwas Neues anzuziehen und zu posen, posen, posen.
Manchmal bemitleidet man auch den Helden der Geschichte, wenn er gnadenlos ehrlich und unprätentiös von seinem Leben damals erzählt:
Arbeitslosengeld, Blowjobs bei reichen Arabern und Geld klauen bei meinen Eltern – ich schlich mich immer noch zu Hause ein und bediente mich an der Lohntüte meines Stiefvaters. Ich hatte genug Geld, um mir ein schwarzes Fallschirmtop zu kaufen (ich bekam zehn Prozent Rabatt), eine schwarze Bondage-Hose und marineblaue Spider-Man-Stiefel aus Wildleder.
Keine eigene Wohnung, aber Hauptsache man sieht gut dabei aus. Orientierungslos streunt er durch die Gegend, auf der Suche nach sich selbst.
Liebe, Lust, Wut, Raserei, Traurigkeit, Gedankenlosigkeit? Ich stumpfte ab. Speed am Nachmittag, vielleicht eine Valium, mehr Speed, dann nach der Arbeit, je nach dem, wieviele Kunden ich bedient hatte, mindestens noch mal zwei, dann weiter zu Luise´ s, wo die anderen „anschaffenden Mädchen“ saßen und auf den Dealer warteten, den ich „The Mandy Man“ nannte.
Bertie erzählt, dass er immer neidisch war auf diejenigen, die berühmt wurden. Er hatte nur eine vage Idee, was aus ihm werden sollte, Glamour und Ruhm spielten dabei eine Rolle. Aber nur was? Später, sehr viel später, als aus ihm wieder Bertie Marshall wurde, begann er Filme zu drehen und Bücher zu schreiben, zum Beispiel den viel beachteten Roman „Psychoboys“.
Erst im Jahre 2001, lange nach seiner Zeit als Berlin Bromley, besucht er das erste Mal Berlin, Teil seiner persönlichen Mythologie. Er ist enttäuscht, weil er es provinziell, kalt, unglamourös und erbarmungslos findet. Doch auch aus dieser Episode zieht er etwas Positives. Durch Jon Savage inspiriert beschließt er diesen autobiografischen Roman zu schreiben.
Boy George schreibt im Vorwort des Romans:
Dieses Buch wurde mit wohl überlegtem Sarkasmus und Witz geschrieben und sollte von jedem aufstrebenden Modestudenten, Möchtegern-Außenseiter und jeder besorgten Mutter gelesen werden. Man kann es schlecht weglegen. Na ja, ich hätte es fast in den Kamin geworfen, als ich merkte, dass ich darin nicht ein einziges Mal Erwähnung finde.
Nein, es ist nicht so gut, wie sich das in den Worten von Boy George anhört, das wirklich nicht - weglegen kann man es ganz einfach. Trotzdem ist es lesenswert, ist es spannend, wenn man sich für diese Zeit und vor allem für Gender- und Queer-Fragen und die glamourösen Siebziger interessiert. 

Mittwoch, 30. Mai 2012

Elf Fragen von schmerzwach an die Autorin Elsa Rieger

Elsa Rieger, Wien, Jahrgang 1950, arbeite im Hauptberuf als Atemtrainerin. Nach Schauspielausbildung und Buchhandelslehre war ich in der Inspizienz und Abendregie des Theater der Courage beschäftigt. 2010 erschien die Printausgabe des Romans „Ein Mann wie Papa“ im AAVAA Verlag Berlin und als eBook Beam2006 erschien "100% Worte für Brot" der ProlykuAutorenInnen, mit mir als Mitautorin und Herausgeberin, im FV-Verlag, Lübeck. Eine Spendenausgabe für die Welthungerhilfe, deren Erlös zu 100% Menschen in Not zugute kommt. 2005 Herausgeberin und Mitautorin der Anthologie SpurenWelt mit meiner Autorengemeinschaft ProLyKu im Website-Verlag. 2004 erschien im Lübecker FV-Verlag mit dem Titel LichtSchatten ein Sammelband meiner Prosa und Lyrik. Mehrere Ebooks, z.B:: http://www.amazon.de/-/e/B0047LZYTA und http://www.smashwords.com/profile/view/flugdrache uvm. Sie schreibt auch in mehreren Blogs, z.B.: http://schreibtalk.blogspot.comhttp://textlektorat.blogspot.com/ und http://elsa-rieger.podspot.de/


1. Wer bist du?
Das habe ich mich auch schon oft gefragt ...
2. Was machst du?
Zuerst mal leben. Vielleicht komme ich währenddessen drauf, wer ich bin. 
3. Woher kommst du und wohin möchtest du?
Definitiv aus dem Bauch meiner Mutter. Am Liebsten nirgendwohin, hier gefällt es mir, wer weiß, ob ich anderswo auch so viel Stoff zum Schreiben finden würde. Also ich bleibe hier Punkt
4. Warum bist du Schriftsteller geworden?
Ich bin SchriftstellerIN geworden, weil ich andernfalls wahrscheinlich vor lauter Unglücklichsein gestorben wäre. Das Schreiben hat mich im richtigen Moment meines Lebens angeflogen, das ist nun 25 Jahre her.  
5. Welche Ziele hast du?
Ich möchte noch ein paar Romane schreiben, ich möchte, dass der Tag 48 Stunden hat, ich möchte Al Pacino kennenlernen.
6. Wer oder was inspiriert dich?
Meine Arbeit als Atemtherapeutin, die Menschen draußen in der Stadt, meine Familie, meine Fantasien, Bücher und ihre AutorInnen, Alltagsdramen 
7. Wann bist du glücklich?
Beim Lesen guter Bücher, beim Sehen guter Filme, in einer guten Ausstellung, wenn mein Partner mir sagt, dass er mich liebt, wenn ich ihm sagen kann, dass ich ihn liebe, wenn ich meine Enkel sehe, wenn mein Schreiben funktioniert.  
8. Wie sieht dein perfektes Leben aus?    
Oh, wie langweilig es doch wäre, würde es perfekt sein! Panta rhei, alles fließt, mal gut, mal scheiße. Das gehört doch alles dazu.
9. Was würdest du tun, wenn du ein Tag lang König von Deutschland wärst?
Das scheitert schon daran, dass ich Österreicherin bin und in Wien lebe. Außerdem würde ich dieses Amt nicht mal für einen Tag annehmen wollen, meine Wünsche wären viel zu humanistisch. Am Tag drauf wäre das Land wahrscheinlich kaputt.
10. Wovon hast du als Kind geträumt?
Da gibt es eine Passage in dem Roman, den ich gerade vollende „Helene sucht die Wirklichkeit und findet eine große Zehe“:
Ab und zu allerdings raste der Pavian durch das Haus ihrer Kindheit. In diesem Traum, den Helene in Abständen, seit sie denken konnte, träumte, stürmte es draußen, sie lag im Bett und der Affe flitzte von Fenster zu Fenster. Er riss sie weit auf, sodass der wilde Wind die Vorhänge erfasste und daran zerrte. Verärgert stand Helene dann auf, rannte hinter ihm her und schloss die Flügel wieder. Kaum damit fertig, ging es von vorn los, denn der Pavian hatte am anderen Ende der Zimmerflucht wieder alle Fenster geöffnet.
11. Worauf könntest du verzichten und worauf überhaupt nicht? 
Ich kann auf viel verzichten, doch nicht auf Kaffee, Wärme in der Wohnung und das Schreiben.
Noch mehr von ihr hier: 

Dienstag, 29. Mai 2012

Schmerzwach. Ein Buch über das Leben, die Liebe und die ...

... neue BEAT Generation, bei bloggingbooks erschienen. Ach je, hätte ich DAS gedacht, als ich am 6.12.09 mit dem Blog hier angefangen habe? Dass es nicht ganz zwei einhalb Jahre später so ein schönes Buch von mir gibt? Ist schon toll! Ich darf, glaube ich, stolz auf mich sein. Sehr stolz. :-) Es zeigt, dass Leute interessiert, was ich tue, es zeigt, dass ich nicht umsonst so viel Zeit in den Blog hier investiert habe. Mir macht es großen Spaß - vielleicht sogar mehr denn je. Mir macht es aber auch vor allem deswegen Spaß, weil ich so ein gutes Feedback von euch erhalte, weil es so viele regelmäßige Leser_innen gibt und weil dieser Blog lebt. 
Der Klappentext, der auch noch einmal die Anfänge des Blogs zusammenfasst: "Dieser Zustand, der einem schon weh tut, weil er so ausweglos ist. Diese innere Unruhe, die fast unerträglich ist. Schmerzwach nenne ich diesen Zustand." In seinem neuen Buch beschreibt Jannis Plastargias den "schmerzwachen" Alltag der modernen Stadtneurotiker, Lifestyle der neuen Boheme, der neuen "Beat Generation". Auf Ausstellungseröffnungen herumhängen, Wein trinken, die Leute anschauen, Lesungen veranstalten, Bücher schreiben, auf Facebook und Twitter Bilder und kluge Statements posten. Es ist ein Buch über das Schreiben, ein Buch über das Ausleben seiner Identität und seiner Träume, es ist ein Buch über das Erlangen eines Selbstbewusstseins und vor allem Selbstverständnisses als Künstler... "In einem Blog wie in einem Buch verfasse ich meinen eigenen Text, meine eigenen Gedanken und Ideen, hier bin ich kreativ, hier schreibe ich mir Dinge von der Seele, hier gebe ich, was ich geben kann, meine Worte, meine Phantasie, meinen Geist... Haben meine Gedanken ein Gewicht? Nun, zumindest hätten sie nicht mehr Gewicht, wenn sie sich zwischen zwei Buchdeckeln befänden!" Als der Autor diese Sätze schrieb, wusste er nicht, dass sie zwischen zwei Buchdeckeln landen würden...
http://www.amazon.de/Schmerzwach-Buch-Leben-Liebe-Generation/dp/384177038X/

Montag, 28. Mai 2012

Wer hier liest, liest im Glück...

Es liest Levend Seyhan... großes TENNIS, sage ich nur... :-)

Der Dichter und Musiker George Goodman.
Wer hier liest, liest im Glück... oder im Underground oder auf der Lesebühne des (Un)Glücks. Je nachdem, wie man es mag. :-) Der Glücksladen. Die Autoren-Abende im Glücksladen. Es ist etwas anderes hier. Es ist auch mehr ein Lesemarathon. Es ist mehr eine Begegnungsstätte. Hier kann man mit den Autor_innen über ihre Texte sprechen, aber auch über Literatur an sich.  
Levend Seyhan, Petra M. Jansen und die Dichterin.

Carsten Nagels und Janine. :-)
Hier kann man auch mal über die Performances der Lesenden diskutieren. Nein, das ist keine 08/15-Lesung, hier ist der Underground, fernab des Mainstreams, hier kommen ungewöhnliche Persönlichkeiten zusammen und lesen und reden über Literatur. Carsten Nagels mit seinen wunderbaren Aphorismen, die so sprachreduziert und so weise sind. http://www.carsten-nagels.de/


Autoren und Gäste vor dem Glücksbus, Happy Germany Platz.

http://literatourpoetictext.blogspot.de/
Oder eine Petra M. Jansen (Bild links), die im Netz eine kleine Berühmtheit ist, die in einem Jahr schon 2000 ihrer Bücher verkaufen konnte, eine stolze Anzahl als Indie-Autorin. Wie sie das geschafft hat, erzählte sie kurz auf diesem Autoren-Abend, denn hier lernt man auch immer etwas Neues. Am Anfang saßen wir draußen, weil das Wetter so schön war... 
Nach der Party ging es drinnen weiter... Auch ich bekam meinen Auftritt, also abgesehen von meiner Moderatoren-Tätigkeit: Allerdings habe ich mein neues Buch: Schmerzwach: Ein Buch über das Leben, die Liebe und die neue BEAT Generation nicht mehr gefunden (wo im Glücksladen habe ich es verlegt?) - so musste ich dann eine Standup-Comedy abliefern. Und zwar erzählte ich frei Texte, die ihr hier schon alle gelesen habt. Das hat Spaß gemacht. Nein, das ist alles kein Mainstream, was bei den Autoren-Abenden geschieht, schon gar wenn der Dichter und Musiker George Goodman auftritt, der seine Gedichte vortrug. Sehr gefreut habe ich mich auch, dass mein Kollege Levend Seyhan vom Jugendliteraturpreis JuLiP im Glücksladen gelesen hat. Wer hätte gedacht, dass Tennis solche Emotionen zutage fördern kann - und vor allem so einen schönen, literarischen Text? Mehr von ihm könnt ihr auch in seinem Blog lesen. Die nächsten glücklichen Veranstaltungen werden eine Lite-Rad-Tour am Sonntag, den 29.7., ab 15 Uhr (lesen, Rad fahren, lesen, Rad fahren, lesen, trinken und essen), eine Tour entlang des Mains... und: der nächste Autoren-Abend findet am Freitag, dem 22.6. ab 20 Uhr (oder später ;-)) statt. Dann lesen meine Kolleginnen und Kollegen von Plan B und ich moderiere. Ich möchte auch Kristina ganz recht herzlich danken, die diese Autoren-Abende ermöglicht und für die tollen Snacks zuständig ist. :-) Wer sich das auch mal anschauen möchte: wie gesagt, es ist Underground, es ist anders, man darf auch später kommen oder früher gehen - und man darf ALLE Fragen stellen. So! Bis bald im Glücksladen im Baumweg 20. :-)

ESC in Baku 2012: Euphorische Siegerin

Deutschland darf stolz auf sich sein, worauf mehr, ob auf den sehr sehr guten und verdienten achten Platz des wunderbaren Roman Lob oder auf Anke Engelke, die in ihrer Punktevergabe deutlich und trotzdem charmant eine Ansage an das Aserbaidschanische Regime machte, kann ich gar nicht sagen: "Heute Abend konnte niemand für sein eigenes Land abstimmen. Aber es ist gut, wählen zu können. Und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf Deiner Reise, Aserbaidschan! Europa beobachtet Dich! Und hier sind die Ergebnisse der deutschen Jury…". Beides war etwas Besonderes. Roman Lob, der ohne Brimborium und ohne Beats aus den Neunzigern und ohne "Freunde" in Europa in die Top Ten kam. Anke Engelke, die nicht wie die anderen  nur nette Floskeln an Eldar und Co. richtete, sondern ein klares Zeichen setzte: der ESC ist politisch, aber selten wurde das in die Show integriert. Aber vielleicht war auch Deutschland das einzige Land, das sich das getrauen durfte, war doch alles bei diesem ESC genauso aus Deutschland wie aus Aserbaidschan. Wer hätte vor einem Jahrzehnt gedacht, dass die Deutschen so maßgeblich den ESC mitgestalten würden. 


Bild: Stern.de
Selten hat eine Künstlerin den ESC so klar gewonnen wie die Schwedin Loreen, sie bekam am Ende 18 Mal die Höchstpunktzahl 12 und nur die Italiener bedachten sie mit keinem Punkt. Das zeigt auch, dass ein wirklich überzeugendes Lied keine "Freunde" braucht, weil es die Punkte trotzdem erhält. Und das war in den letzten Jahren immer so, bei all dem verständlichen Ärger derjenigen, die nicht gewannen. Eine Ruslana aus der Ukraine hat genauso verdient gewonnen wie unsere Lena, Alexander Rybak hat genauso verdient gewonnen wie eine Marija Serifovic aus Serbien. Von Anfang und wurde Loreen in die Favoritenrolle gedrängt. Peter Urban, der Kommentator des NDR, erinnerte aber daran, dass selten der klare Favorit am Ende den Sieg holen konnte. Dieses Mal also schon. Und es war ein verdienter Sieg. Mir würde kein besserer Auftritt einfallen. Dass die russischen Babuschkis dann doch so weit nach vorne kamen, Platz 2 vor dem viel besseren Zeljko Joksimovic, überraschte mich dann letztendlich doch. Mich begannen die alten Damen zu langweilen. Aber gut. Dass drei der Big Five in die Top Ten kamen, fand ich sehr erfreulich, neben Roman Lob auf Platz 8, schafften es die Italienerin Nina Zilli auf Platz 9 und Pastora Soler aus Spanien auf Platz 10. Nicht so glücklich dürfte Engelbert mit seinem Platz 25 sein, der nicht nur unverdient war, sondern fast schon unverschämt. Ebenso erschüttert war ich über die schlechte Platzierung von Anggun aus Frankreich, aber das passiert beim ESC. Die Dänin Soluna Samay und den Norweger Tooji hat es mit Platz 23 und 26 (letzter!) noch härter getroffen. Beides unverständlich und unerklärlich meiner Ansicht nach. Die beiden haben selbst von ihren Nachbarn nicht viele Punkte erhalten. Ein Wort zu den Zypriotinnen, also die aus Griechenland ging unter: Platz 17, seit vielen Jahren die schlechteste Platzierung, und Ivi Adamou, die ich in die Top 3 getippt hatte, auch nur auf Platz 16. Politik? Schlechte Stimmung gegen die Griechen seit so langer Zeit: Wirkte sich das auf die Stimmabgabe aus? Oder haben die Leute mittlerweile die Schnauze voll von dem Ethno-Pop, mit dem die Hellenen jedes Jahr antreten? Ich kann es mir zwar kaum vorstellen... Überraschungen waren dann die Albanerin und der Este. Wo das herkam, weiß ich tatsächlich nicht und kann es mir kaum erklären. Schön gesungen von Rona Nishliu und Ott Leppland, wirklich, aber die Lieder konnten mich nicht so ganz überzeugen, gingen mir beide etwas auf die Nerven. Aber Geschmäcker sind ja verschieden. Aserbaidschan bekam wohl Gastgeschenke für diesen wunderbaren ESC-Abend, der bombastischer und schicker war als alle anderen zuvor. Die Stefan Raab-Produktionsfirma Brainpool hat das viele Geld super in eine moderne Mega-Show umgesetzt, Kompliment! Der ESC hat bei all den politischen Diskussionen einmal mehr sehr viel Spaß gemacht und ist wieder zu dem geworden, was es einst war. Und auch wieder: Deutschland hatte einen maßgeblichen Anteil daran: Wer hätte das gedacht...

Sonntag, 27. Mai 2012

Fräulein Wunderbar denkt... (1)


by Fräulein Wunderbar
Endlich mal wieder eine neue Reihe, "Carrie denkt..." äh, nein, "Fräulein Wunderbar denkt..." - eine neue Kolumne, ein bisschen im "Sex and the City"-Style, um... ja, um... wieder ein bisschen mehr Gleichgewicht hier reinzubringen, eine neue Seite, etwas weniger queer. ;-) Ich würde mich sehr freuen, wenn diese nette, kleine Kolumne von Fräulein Wunderbar gut ankommen würde. :-) Viel Spaß dabei!!!

Wenn nur das Andererseits nicht wäre….
Es ist Frühling. Die Sonne scheint, die Bäume schlagen aus und unsere Gefühle auch. Selbst die eingefleischtesten Singles unter uns, und auch die, die sich so gar nicht mehr trauen, bekommen zu dieser Jahreszeit Lust auf eine neue Liebe, auf frischen Wind, Lust auf ein kunterbuntes leidenschaftliches Durcheinander der Gefühle.
Wenn nur das Andererseits nicht wäre!
Eben noch haben wir in einem Restaurant, in einer Bar oder auf der Arbeit jemanden kennengelernt, mit dem wir vielleicht ein paar schöne unterhaltsame Stunden erlebt haben. Ein paar Stunden, in denen unsere Hormone ein kleines bisschen Achterbahn gefahren sind und in denen wir die Neun mal grade sein lassen. Stunden, die uns die nächsten Tage und Nächte ein Lächeln ins Gesicht zaubern, uns neue Energie verleihen, Stunden, die uns unseren manchmal schnöden Alltag versüßen. 
Ach, ist doch egal, ob der Typ 20 Jahre älter oder jünger ist als wir. Nein, wir müssen auch nicht im Vorfeld abklären, ob er eventuell gebunden ist oder nicht. Wir sind doch erwachsen und alt genug, um souverän damit umzugehen, falls er es doch ist und… wenn er gebunden wäre, würde er es uns doch im Vorfeld sagen, oder?
Auf eine Fahrt in die Berge folgt leider jedoch oft eine Fahrt in den Keller.
Nach einer Woche, in der wir täglich akribisch alles aufgeräumt haben, FALLS er überraschend käme, weil er nach detektivischer Recherche unsere Adresse herausgefunden hat, müssen wir uns eingestehen, dass er eben doch vielleicht gebunden ist oder schlicht und ergreifend einfach nicht so sehr auf uns steht, wie wir uns das gewünscht hätten.
Weil, wenn wir anstelle des Mannes wären, wir hätten unsere Hände gerieben und uns sofort an die Arbeit gemacht, die Telefonnummer und Adresse der Frau herauszufinden, mit der wir ein paar schöne gemeinsame Stunden erlebt haben.
Weil… wir wollen ja mehr davon... Oder?

Samstag, 26. Mai 2012

ESC in Baku 2012: Finaler Tipp

Nachdem ich dieses Jahr den Sieger kurz vor dem Finale vorausgesagt hatte und noch den ein oder anderen Tipp richtig hatte (Bosnien-Herzegowina, Irland und Dänemark weit nach vorne getippt), versuche ich erneut in die Zukunft zu sehen. Ich werde dabei die heutige Startreihe beachten, denn es ist a) wichtig, wann welches Lied gesungen wurde und b) wer davor und danach singt. Mal abgesehen von der Tagesform, die natürlich auch mit entscheidet, genauso wie Outfit und Performance, die gesanglichen Qualitäten werden heute sicher keinen Ausschlag geben. Wie ich schon im letzten Beitrag sagte: Schwedens Loreen mit ihrem "Euphoria" wird gegen die Babuschkis und den Rest Europas antreten. Und man weiß nicht, wer sie aufhalten soll - außer vielleicht Ivi Adamou aus Zypern. Zeljko Joksimovic mit seinem wunderschönen Lied wird es zumindest nicht sein.


Bernd Ochs mit Roman Lob, der in die Top Ten
kommen wird :-)
 1. Schweden
 2. Serbien
 3. Zypern
 4. Italien
 5. Russland
 6. Rumänien
 7. Spanien
 8. Irland
 9. Dänemark
10. Deutschland
11. Norwegen
12. Aserbaidschan
13. England

ESC in Baku 2012: Das Zweite Halbfinale

Das zweite Halbfinale war sehr viel überraschender als das erste Halbfinale. Für den Finaleinzug von Donny Montell aus Litauen habe ich nur eine Erklärung: alle, die ihn gewählt haben, müssen den Ton ausgeschaltet haben und sich gesagt haben, wie süß ist der nur... Dafür hat es die Gruppe Litesound aus Weißrussland nicht geschafft, bei denen ich die Befürchtung hatte, dass sie nur aus dem Grund ins Finale kommen. Die größte Überraschung war für mich, dass anstatt der jungen Slowenin Eva Boto die Sängerin aus Bosnien-Herzegowina weiterkam. Die erstere hatte vorher sehr viel mehr Sympathiewerte im Internet erhalten und das Lied war viel stärker, aber so ist das eben beim ESC. :-) Die Favoriten strauchelten nicht, Schweden und Norwegen sind genauso wie Serbien und die Türkei locker weitergekommen, wie man vermuten darf. Tooji aus Norwegen hatte dabei genau das erwartete "Stimmchen", performte aber gut - und wenn dann noch vom Kommentator erwähnt wird, welch guter Mensch er ist (er macht Flüchtlingsberatung), dann kann bei dem guten Aussehen nicht mehr viel schief gehen. Das war sowieso mal wieder sehr offensichtlich, weswegen ich das auch bei meinen Tipps immer mit in den Mittelpunkt stelle: Das Aussehen der Teilnehmer/innen ist beim ESC genauso wichtig wie bei DSDS. Da kann man noch so viel von guten Liedern erzählen und von Völkerfreundschaften. Natürlich ist es für Donny, Tooji oder den Teilnehmer aus Malta, Kurt Calleja, einfacher weiterzukommen als für so einen dicken Georgier (der allerdings einen grottigen Auftritt hinlegte und verdient rausflog). Aber Aussehen ist auch nicht alles - der Style muss auch passen und gerade im Trend liegen. Daran scheiterte wohl der attraktive Slowake Max Jason Mai, der mit seinem 80er Jahre-Metaler-Look den Kürzeren zog. 


http://blog.prinz.de/grand-prix/files/Loreen-Euphoria.jpg
Die Show war wieder sehr nett, vor allem der Pausen-Auftritt der Sieger/innen der letzten fünf Jahre, die "aserbaidschanische" Versionen ihrer Siegertitel vortrugen (gemeinsam mit einheimischen Musikern). Das war ganz cool, vor allem auch Lenas Part. Der ESC in Baku macht Spaß - und ja, auch in diesem Beitrag ignoriere ich wieder die Politik und die Menschenrechtsverletzungen in Aserbaidschan - The Show must go on... Und Samstag freue ich mich darauf, live dabei zu sein, wenn Loreen aus Schweden gegen den Rest von Europa antritt - ihre Stimme hält und nur die Unwägbarkeiten des ESC können sie am Sieg hindern. Aber es gibt ein paar ernst zu nehmende Konkurrenten: Vom Balkan nach wie vor am siegreichsten einzuschätzen: Zeljko Joksimovic, im Süden wird wohl die Zypriotin Ivi Adamou vor der Italienerin Nina Zilli und allen anderen liegen, bei der ehemaligen Sowjetunion die Ukrainerin Gaitana, die russischen Babuschki spalten zu sehr, um zu gewinnen. Vielleicht wird die Dänin Soluna Samay mitmischen, auf jeden Fall aber von der Ostblock-Ecke Mandinga mit ihrem "Zaleihla". So, und jetzt seien wir gespannt, auf mehr: Finaaaaaaaaaaleeeeeee, oh oh oh! :-)

Freitag, 25. Mai 2012

Hausfrauen- und Studentinnen-TV?

aus: http://www.fashion-insider.de/
Wer schaut das eigentlich an? Diese Frage stellt man sich ja bei vielen Formaten auf VOX. Das Perfekte Dinner zum Beispiel: Was ist die Zielgruppe? Leute, die kochen lernen wollen? Sicher nicht. Ich habe gefühlte Tausend Folgen angeschaut – und kann immer noch nicht kochen. Ein Bus voller Bräute: Wer hätte gedacht, dass man Bauer sucht Frau an Dümmlichkeit und Peinlichkeit toppen kann? Wollen Frauen so etwas sehen? Wie sich andere Frauen so demütigen lassen, um bei Dorfdeppen anzukommen? Wollen das Männer sehen? 
Jetzt habe ich eine neue Lieblingssendung entdeckt, bei der ich nicht weiß, ob ich eventuell genau die Zielgruppe bin. Ich rede von der Shopping-Queen, die vor ein paar Wochen in die zweite Staffel ging. Die erste war nicht besonders erfolgreich, aber dass die Quote ganz durchschnittlich war, hat dem Sender gereicht. Man dachte, wenn man als Teaser eine Promifolge davor schaltet, in der sich Fiona Erdmann – ja, wer ist das denn? – Natascha Ochsenknecht, Promimutter (genau: Jimi Blue und Wilson Gonzalez), Fernanda Brandao (beste Freundin von Dieter Bohlen) und die Schauspielerin Gerrit Kling (Fernanda: das ist doch ein Männername!) anzicken, dann werden mehr Leute den Nichtprominenten beim Shoppen und Zicken zuschauen wollen. Die Rechnung ging nicht auf, die Quoten für das Promi-Duell waren nicht berauschend (1,34 Millionen der 14- bis 49-jährigen sahen nach dwdl.de zu, der Marktanteil lag demnach im Schnitt bei 6,7 Prozent). 
Worum es in der Sendung geht? Fünf Kandidatinnen kleiden sich auf Kosten des Senders neu ein, 500 Euro kriegen sie dafür zur Verfügung. Das Motto ist vorgegeben, das kann „das perfekte Outfit für das erste Date“ sein oder „Wer in ist, ist drin“ (im angesagtesten Club der Stadt) usw., ansonsten dürfen sie ihrem eigenen Geschmack folgen. Die Outfits werden, wie beim Perfekten Dinner, von den Mitbewerberinnen bewertet, die Versuche der Damen, erfolgreich das Motto umzusetzen, werden vom Stardesigner Guido Maria Kretschmer die Woche über lustig kommentiert. Am Ende der Woche wird die Shopping Queen gekürt und da wird dann sein Urteil miteinberechnet. Die Frauen haben noch zwei Beschränkungen: sie dürfen nichts Eigenes tragen und sie haben nur vier Stunden Zeit, sich ein Dress mit Accessoires und Schuhen zu kaufen und sich stylen zu lassen.
Die Sendung läuft werktags um 15.00 Uhr, die Wiederholung um 12.00 Uhr. Wer arbeitet, fällt als Zielgruppe schon einmal heraus, außer vielleicht welche, die halbtags arbeiten, und das sind meist eher Frauen. Hausfrauen haben Zeit, Studenten haben Zeit. Aber wieso sollten männliche Studenten Frauen beim Shoppen zuschauen? Außer sie sind schwul. Aber sonst doch eher die weiblichen, oder? Oder schauen sich Leute wie ich diese Sendung an, die von Zuhause aus arbeiten, als freie Autoren, als Kreative? Bin ich die Zielgruppe? 
Die Damen brauchen sehr viel Alkohol, um diese nervliche Anspannung zu überstehen. Sie besuchen sich gegenseitig in der Wohnung und genauso wie beim Perfekten Dinner schauen sie in der Zeit der Abwesenheit bei derjenigen, die gerade schuften muss, in der Wohnung um, natürlich vor allem in die Kleiderschränke und Kommoden der Konkurrentin, aber auch das Mobiliar und die Fotos, die da hängen. Und je nachdem wird da schon kräftig über die fehlende Person hergezogen. 
Wo ist also der Unterhaltungswert? Liegt er vielleicht am Casting? Es scheint so, als ob man immer eine „Femme Fatale“ sucht, die dann entweder russischer Herkunft ist und „sexy“ mit „nuttig“ verwechselt oder gleich eine Table-Dancerin. Dann wird eine „Mutti“ benötigt, eher etwas älter, aber total sympathisch und gut gelaunt, eine etwas jüngere Frau, die „cool“ oder „trendy“ ist, ein Assi-Chick, eine „Chaya“ oder „Mandy“, die für die prolligeren Statements zuständig ist, vielleicht eine Business-Frau, der man zutraut strukturiert zu sein und die am Ende die verpeilteste von allen ist – und die meisten Piccolöchen trinkt. Ist die Sendung nur für Leute, die Frauen- und Stylingzeitschriften kaufen oder Fashionblogs lesen?
Umstylingshows oder zumindest Elemente davon gab es schon immer, auch schon im Fernsehgarten (bei Ilona Christen, die 2009 verstarb), bei Gundis Zambo, die wir aus dem Dschungelcamp kennen, beim ZDF gibt es heuer erneut eine solche Show, die samstags läuft (bzw. in ihren Wiederholungen in den Digitalsendern auch an anderen Tangen). Aber es ist nie mit einem Wettkampf kombiniert, nie mit einem besonderen Druck. Vielleicht liegt der Unterhaltungswert darin, dass man diese Situationen so gut kennt und selbst in Stress gerät dabei. Beim Perfekten Dinner, dass Gäste eingeladen sind, man nur eine bestimmte Zeit zur Vorbereitung hat und sie von den Kochkünsten überzeugen möchte (Verwandte bei Familienfesten). Bei der Shopping Queen erinnert das an diese unsäglichen Situationen: Mist, du wirst spontan zu einer Cocktailparty eingeladen, aber was ziehst du an? Jeder kennt deine Cocktailkleider, ist ja peinlich mit einem davon aufzutauchen, ein neues muss her. Oder eine Hochzeit: Mist, der gute Anzug sitzt nicht mehr, was einem natürlich erst am Vortag einfällt, d.h. schnell in die City fahren, sich einen neuen zulegen. Muss dieser Stress jetzt sein? Ja! 
Und dann diese Verkäufer_innen, die einem etwas andrehen wollen, genau spüren, dass man gerne schnell durch sein möchte. Oder die Professionellen, die dich davor bewahren, Unpassendes zu kaufen. Vertraute Situationen. 
Wem die Sendung etwas vertrauter werden darf: Werktags zwischen 15.00 und 16.00 Uhr auf VOX (Wiederholungen um 12.00 Uhr). 

Donnerstag, 24. Mai 2012

Der ESC in Baku 2012: Erstes Halbfinale

Mann, müssen die Geld haben, war mein erster Gedanke. Wirklich Geld. Diese große Bühne, fast schon zu groß - die wenigsten konnten die Fläche ausnutzen. Aber die Effekte, die vielen LED-Bildschirme: großes Kino. Und dann sah man in den Trailern Bilder von Baku und denkt sich, dass das ja cooler und reicher aussieht als in Dubai... Aserbaidschan versucht alles, um sein Image zu verbessern und buttert vor allem sehr viel Geld rein. Was das am Ende des Abends bringt bzw. nach dem ESC, das wird sich zeigen. Die Einhaltung der Menschenrechte ist schließlich mehr wert als jedes Geld dieser Erde... Die Show jedenfalls war toll, eines der besten Halbfinale, die jemals übertragen wurden. Die Moderator_innen, ja, nicht immer sicher in den Fremdsprachen, vor allem nicht beim Französischen, das Herzlich Willkommen in der Landessprache habe ich verstanden (hört sich fast exakt wie im Türkischen an). Die aserbaidschanischen Tänze in der Voting-Pause waren wirklich sehr schön. Auch das "Voting-Fenster", eine Neuerung schon wieder beim Abstimmen, ist fairer als im letzten Jahr: Es kann nur eine Viertelstunde gewählt werden. Und auch das mit dem Green Room, der in dieser großen Halle integriert wurde, war eine feine Idee. Der schönste Veranstaltungsort seit langer Zeit eben...
Nun zum Contest selbst: Albanien war die größte und einzige Überraschung, wenn die Schweizer anstatt der guten Albanerin ins Finale gekommen wären... Aber die Schweizer hatten zwar ein gutes Lied und performten gut, aber der Sänger konnte überhaupt nicht singen, drückte nur die Worte aus seiner Kehle - Gesang ist wirklich etwas anderes. Wobei das Halbfinale gezeigt hat, dass man ja nicht unbedingt eine gute Stimme braucht, um weiter zu kommen. Die Griechin Eleftheria Eleftheriou beeindruckte eher durch ihr Aussehen und ihren Slip als durch gesangliches Können. Aber war natürlich eine sichere Bank, ebenso wie die Zypriotin, die dieses Jahr tatsächlich das bessere "griechische Lied" singt. Sehr süß und doch erfolglos war Pernilla, die Schwedin aus Finnland, Schade! Weh getan hat, dass die Österreicher, wie befürchtet, tatsächlich schon raus sind. Dabei haben sie als eine der wenigen die Bühne gerockt und voll ausgenutzt, der Saal bebte bei ihrem Auftritt. Dass dafür der Moldawier Pasha Parfeny weiter kam war besonders traurig, das war doch nix. Den peinlichsten Auftritt lieferte San Marino mit seinem Ralph Siegel-Lied ab: eine 37jährige Frau, die so eine Teenie-Lied singt? The Social Network Song? Nein, das ging gar nicht! Und die talentbefreiten Iren kamen auch weiter: Jedward. Diesmal überraschend nicht mit ihrer berühmten Frisur, die sie zur Marke gemacht hat, das Outfit gewohnt überirdisch. Der Gesang und das Tanzen unterirdisch, aber wie immer: sehr amüsant. Es ist ein grauseliger Ohrwurm, aber naja, man möchte ja auch unterhalten werden. Und eine schöne Frisur ist ein Muss: Nicht zuletzt die fettigen Haare des Montenegriners Rambo Amadeu waren sein Untergang. Neben eines Vortrags, der dann drei Minuten lang doch zu wenig Stoff gab. Ich freue mich schon auf das zweite Halbfinale: Ob das auch so unterhaltsam wird wie das erste?

Autoren im Glück

Der Autorenabend im Glücksladen geht nun in die dritte Runde und etabliert sich ganz langsam als Institution, als Lesebühne des Glücks sozusagen. Und auf dem Plakat stehen immer mehr Leute. :-) Ich in der Mitte: YAY! Aber eigentlich möchte ich vor allem moderieren. Ganz literarisch natürlich und mit dem Schellenkranz. Im Glück ist jetzt moderiere ich musikalisch mit dem Schellenkranz: YAY! :-) Apropos Musik: George Goodman hat versprochen Klavier zu spielen. Und Carsten Nagels, Petra M. Jansen und Levend Seyhan sind so verschieden voneinander wie man es nur sein kann - und das wird sich auch in den Texten deutlich zeigen. Von den Textarten her nicht weniger als inhaltlich! DAS dürft ihr diesmal wirklich nicht verpassen! Ich habe es euch gesagt! :-)

Mittwoch, 23. Mai 2012

The Road to Baku 2012: Die großen Nationen

Es lag vor allem am katastrophalen Abschneiden der deutschen Lieder beim Eurovision Song Contest, dass sich die Verantwortlichen eine Regel ausdachten. Die großen fünf (ehemals vier - ohne Italien) Nationen (also die mit den größten Sendeanstalten, die die Werbeeinnahmen bringen) sind genauso wie der Titelverteidiger und Gastgeber für das Finale gesetzt. Zu oft waren Deutschland und Co. schon im Halbfinale oder die Zeit davor in den Vorausscheidungen herausgeflogen. Die fünf Länder sind: Italien, Großbritannien, Spanien, Frankreich und Deutschland. Viel Trash haben die vier letzteren Länder gebracht die letzten Jahre, bis sie am Ende der Nuller wieder etwas aufholten. Die "Zeit vor Lena" war wirklich hart für Deutschland. Aber mit einem vergleichbaren Konzept zu dem, mit dem man 2012 Lena castete, suchte man dieses Jahr den fantastischen Roman Lob aus. Es ist für Deutschland eine Ehre, dass so ein guter Sänger für es antritt. Er hat in den Ausscheidungsshows die Mitbewerber_innen von der Bühne gewischt. Das wird ihm in Baku nicht gelingen. Leider. Top Ten ist zwar Pflicht, Siegchancen wird er keine haben. Nicht, weil ihm Charisma fehlen würde, oder er nicht gut singen könnte - das ist alles unbenommen. Aber das Lied ist etwas zu lahm, um zu gewinnen, und zu wenig Ballade, als dass es konsensfähig wäre. Trotzdem: Er wird es super machen.




Das erfolgreichste Land nach erreichten Punkten ever sind die Briten. In den letzten Jahren allerdings hinkten sie stark hinterher. Selbst mit der Boyband "Blue", die ehemals große Erfolge feierte, konnte man nur einen elften Platz erlangen, besser jedoch als in 2010 der neunzehnjährige Josh Dubovie, der uf dem letzten Platz landete. Dieses Jahr schicken die Briten den Schlagersänger Engelbert Humperdinck, in Deutschland einfach: Engelbert, ins Rennen, Jahrgang 1936 und seine Erfolge sind schon etwas länger her. Schlager ist ja nicht so mein Ding, und junge Leute können wahrscheinlich nicht unbedingt etwas mit diesem alten Haudegen anfangen, vielleicht aber das schwule Publikum... Eines muss man dem guten Mann zugute halten: tolle Stimme, viel Charme, ein Entertainer der alten Schule - und das Lied hat Grandezza. Würde mich nicht wundern, wenn der alte Herr überraschend weit vorne landen würde. 


Ich oute mich ja immer wieder als großer Fan der Spanier beim ESC. Noch immer bin ich nicht über den 16.Platz hinweg von Rodolfo Chikilicuatre mit seinem Lied "Baila el chiki chiki", das ich soooo cool finde. Vor allem auch die Dance Action. Genau hinschauen lohnt sich. 




In diesem Jahr wird der spanische Beitrag weder so witzig sein, noch so schlecht abschneiden. Pastora Soler schmettert ihr Lied "Quédate Conmigo" mit Wonne - und es gefällt ganz vielen Leuten im Internet. Das könnte etwas werden.




Auch Italien hat dieses Jahr (wie im letzten Jahr auch) eine gute Sängerin zum ESC geschickt, die nicht nur richtig cool aussieht, sondern ein "fesches" Lied singen wird: Nina Zilli mit "L'amore è femmina" swingt ganz schön. Bisher wird sie ganz nach oben gewettet. Ich befürchte allerdings, dass das Lied am Finalabend etwas untergehen wird. Sagt meine Intuition. Aber vielleicht kann sie das Publikum ja so bezaubern, dass sie die Konkurrenten von der Bühne räumt?  




Anggun mit dem Lied "Echo (You and I)" startet für Frankreich und wird eher hinten landen im Finale. Sie wird ja wie die anderen gesetzt. "Exotische" Damen aus Frankreich hatten es nie besonders leicht beim ESC-Publikum - wieso das so ist? Das kann ich nicht erklären. Aber auch dieses Jahr wird Frankreich im Finale weiter hinten landen.



Irland hat den Eurovision Song Contest am häufigsten gewonnen. 1992, 1993, 1994 gleich dreimal hintereinander. 1995 hatte Norwegen gewonnen - mit einer irischen Geigenspielerin auf der Bühne. Und 1996 gewann Irland wieder. Johnny Logan war der einzige, der zwei Mal für ein Land gewann, eben für Irland. Und jetzt nehmen auch Jedward nach 2011 das zweite Mal teil. Vielleicht beflügelt von der überraschend guten Platzierung. Der achte war es dann am Ende. Ein Wunder eigentlich: die Jungs können nicht singen, nicht tanzen, und irgendwie sehen sie auch reichlich merkwürdig aus. Aber: Sie haben so einen hohen Amüsier-Faktor. Nur denke ich, dass sie an Reiz verloren haben. Und "Lipstick" war einfach ein noch viel nervigerer Ohrwurm als "Waterline". Wahrscheinlich kommen die Jungs ins Finale. (Ja, kommen sie, gestern Abend so abgestimmt). Aber sicher nicht in die Top Ten. 
Auch der Gastgeber Aserbaidschan mit Sabina Babayeva und "When The Music Dies" dürfte es schwer haben, in die Top Ten zu kommen. Aber vielleicht kriegen sie viele Gast-Geschenke. Obwohl: Vielleicht auch nicht, wer weiß, wie sich das Regime durchmogeln kann zwei Wochen lang - vielleicht entstehen in dieser Zeit schon die ersten Risse...

The Road to Baku 2012: Bernd Ochs berichtet aus Baku

Bernd Ochs mit Roman Lob
Mein Kollege beim Radio, Bernd Ochs, ist gerade in Baku. Über Facebook habe ich ihm einige Fragen gestellt, die mich - und hoffentlich euch auch, liebe Leser/innen - sehr interessieren. Hier sind seine Antworten:
Nunmehr zum zwölften Mal bin ich bei einem ESC live vor Ort. Seit 2001 berichte ich fuer Radio SUB, einer schwul-lesbischen Sendung im offenen Radiokanal Frankfurt am Main (Radio X) und blicke hinter die Kulissen. Natürlich ist der Hauptgrund die Leidenschaft und ja, auch das Hobby zum Wettbewerb.
Ich hatte ja schon öfter Zweifel und wollte aussetzten, wie zum Beispiel bei der Ukraine, Moskau oder Belgrad. Aber hinterher war ich dann doch ganz froh, dabei gewesen zu sein!
Und so gab es auch heuer erhebliche Zweifel und ich hatte mich auch schon dagegen entschieden. Zum einen waren es die Berichte über die Menschenrechte, zum anderen aber auch der teure Flugpreis. Da ich zu lange gehadert hatte, bekam ich einfach keinen guten Flug zu einem vernünftigen Preis. Ich wollte nicht für 800 mit schlechten Anschlüssen, ewigen Umstiegszeiten mit nicht erstrebenswerten Fluggesellschaften fliegen. So hatte ich meine Entscheidung gegen Baku sogar im Februar groß in Facebook gepostet. Aber so ganz konnte ich ja dann doch nicht ablassen. Sollte ich meine ESC Serie unterbrechen? Meine Freunde, mit denen ich sonst immer die Zeit beim Grand Prix verbringe, waren nahezu entsetzt. Und so habe ich mich dann doch ein wenig belaatschern lassen und dann sogar noch einen guten Flug für einen guten Preis gefunden. Und jetzt bin ich da!!!
Allerdings zählte Aserbaidschan sicher nicht zu meinen bevorzugten Reisezielen. Gerade der Konflikt mit Armenien, auch in Bezug auf den ESC schmeckte mir gar nicht. Ich muss aber auch zugeben, dass mein Wissen über dieses Land nicht das dollste ist. 


Das illuminierte Baku
Und wenn ich das mal mit den letzten Jahren vergleiche, muss ich sagen, dass diese Reise hierher ganz sicher erstrebenswert war und noch ist.
Die Stadt ist unfassbar, eine Mischung aus ganz moderner Baukunst und Altbauten. Die Aserbaidschaner lieben Licht und Illumation. Reich an Energien wird hier alles beleuchtet und zwar spektakulär. Wir sind hier alle sehr willkommen, die Menschen sind unglaublich gastfreundlich, kein Vergleich zu Moskau in 2009!
Ja, und die Menschenrechte wurden insbesondere ja in Deutschland intensiv diskutiert. Aber für ein muslimisches Land ist hier vieles besser als zu erwarten war. 
Seit 2001 ist Homosexualität nicht mehr strafbar. Aber natürlich ist sie nicht gerne gesehen. Das Problem ist eher die gesellschaftliche Ächtung. Schwule Bars gibt es offiziell nicht, aber an ein paar wenigen Orten rottet man sich dann doch zusammen. Die Familie ist hier wohl der größte Knackpunkt. Da wird es in der Regel gar nicht akzeptiert und es kommt sogar zur Zwangsehe oder gar zum Ehrenmord. 
Körperliche Nähe, Händchen halten oder Arm in Arm laufen zählt hier auch bei den Männern als normal. Aber Liebe unter Männern, gar Beziehungen sind ungewöhnlich und verpönt. Die Polizei verfolgt es zwar nicht, aber wenn doch jemand enttarnt wird, dann wird gerne mal Geld erpresst, ansonsten wird man vor der Familie verpfiffen. Es erinnert also alles an die 70er Jahre in Deutschland.
90 Prozent der Bevölkerung sind zwar Moslems, aber die meisten haben aus der russischen Zeit den Bezug zum Glauben auf der Strecke gelassen. So sieht man hier weder Frauen mit Kopftuch, noch bestimmen Moscheen das Stadtbild. Alkohol wird auch in allen Lokalen ausgeschenkt, Sperrstunde gibt es auch nicht. Dem Nachbarn Iran ist das wohl auch ein Dorn im Auge und droht deswegen auch gerne mit Anschlägen. Gerade der ESC gilt dort als schwule Veranstaltung und wurde im Vorfeld stark kritisiert. Und jetzt ist der norwegische Teilnehmer (Tooji) gebürtiger Iraner und obendrein noch offen schwul - was davon mal abgesehen auch unübersehbar ist. Alles ein Affront für den Iran!
Aber auch in Aserbaidschan gibt es sehr starke antischwule Tendenzen. So wurde auch von einer entsprechenden Gruppierung die wohl bekannteste Website eines ESC Berichterstatters (esctoday.com) gehackt und viele Daten wohl unwiederbringlich gelöscht. Ein kleiner Skandal hier.
Natürlich bin ich für meinen Tripp auch sehr kritisiert worden. Gerade wegen der Menschenrechte. Und immer die Diskussion, ist der ESC politisch oder nicht etc. Aber auch dazu habe ich eine Meinung.
Dem Veranstalter, der EBU (European Broadcasting Union) ist durchaus klar, dass die meinsten Fans und auch Journalisten schwul sind. So ist das im Vorfeld auch ein Thema und muss vom Gastgeber akzepiert werden und er muss für Sicherheit garantieren. So standen zum Beispiel in Belgrad seiner Zeit sogar Polizisten erstmals vor Schwulen-Clubs, zur Sicherheit vor den Eingängen, obwohl gerade dort die Polizei immer gegen die Community gearbeitet hat. Ein kleiner Erfolg.
Durch den ESC und unsere Präsenz vor Ort, wird das Thema auch in die Öffentlichkeit gerückt. Ohne den ESC hätte doch in Europa niemals jemand etwas zu der Situation hier gewusst, bzw. ein wenig die Diskussion zu bestimmten Themen eröffnet. Das Land will westlich sein und sich nach Europa orientieren. Und das ist für ein muslimisches Land nicht einfach. Wenn das gelingt, ist ja auch klar, dass genau diese Tendenzen in anderen muslimischen Ländern ebenfalls hoch kochen. Aus meiner Sicht ist das auch die größte Angst vom Iran.
Wir werden mit dem ESC und unserer Anwesenheit vor Ort nicht vieles ändern, aber ein bisschen was wird es ganz sicher bewirken. Und eines ist auch klar, je mehr offen Schwule hier vor Ort sind, die auch gerne kritisch nachfragen, um so mehr stärkt es den Rücken derer, die hier leben und sich vielleicht jetzt noch nicht trauen.


Bernd mit Eldar (Moderator und Vorjahressieger)
Das Schöne am ESC ist die Internationalität. Da bin ich zwar Deutscher, aber in erster Linie Europäer. Man trifft viele Leute genau in dieser Zeit Jahr für Jahr wieder und das aus vielen Ländern. Spanien, Türkei, Israel, Niederlande, Schweden, Dänemark etc ... Und da geht es nicht darum: "Was haste, was biste", sondern das gemeinsame Hobby verbindet. 
So habe ich durch den ESC meine meisten Freunde gefunden, in Deutschland und auch viele gute Bekannte in Europa und darüber hinaus. So kommt zum Beispiel ein guter Freund in jedem Jahr aus New York, der eigentlich Israeli ist, oder heute habe ich mit einem Spanier gesprochen, der in Brasilien lebt und 24 Stunden nach hier unterwegs war. Toll, wir sind ja alle so global!
Die Proben laufen alle reibungslos, kein Wunder, hier ist auch alles in deutscher Hand. Die Aserbaidschaner haben sich alles bei uns gekauft. Die Halle wurde von einer bayerischen Baufirma gebaut und die Sicherheit garantiert auch ein deutsches Unternehmen. Die Show wird von Brainpool poduziert. Das ist die Firma von Stefan Raab, der auch im letzten Jahr die Produktion stellte. Geld spielt hier keine Rolle. Das Land ist reich an Rohstoffen und wird die Kohle fleißig ausgegeben. Der Exportweltmeister Deutschland profitiert hier sicher dieser Tage am meisten!
Die großen Favoriten sind hier Schweden, Italien, Russland und Rumänien. Ich persönlich rechne ja feste mit Schweden. Loreen ist bereits heute in sechs Ländern auf Platz eins der Charts. Da gab es vorher noch nie bei einem Contest. Ich stehe ja eigentlich eher weniger auf die langsamen Songs beim Grand Prix, aber in diesem Jahr finde ich Ott Leplands Song Kuula (Estland) gaaaanz toll. Aber auch die Niederlande mag ich sehr. Da hoffe ich ja auf einen Platz im Finale, denn die Niederlande waren schon seit 2004 nicht mehr im Finale! Die russischen Omas sind wohl einer der spektakulärsten Beiträge - sogar aller Zeiten! Ich denke auch, dass die im Televoting ganz gut abschneiden werden, aber die Jury belohnt ja mehr und mehr musikalische Qualität und das dürfte nicht für Russlands zweiten Sieg in der ESC-Geschichte reichen.
Roman wird aus meiner Sicht auch unter die Top 10 kommen. Das Lied ist zwar eher schwach, aber es gewinnt durch ihn und seien Blick in die Kamera. Da wird es jedem warm ums Herz! Roman, der Bub den alle gerne in den Arm nehmen möchten. Das Brusttatoo ist auch nicht zu sehen, so werden auch die Muttis und Grossmuttis angesprochen. Und mit der Startnummer 20 liegen wir auch gar nicht so schlecht.
Lassen wir uns überraschen!
(Bilder sind von Bernd Ochs gestellt)

Dienstag, 22. Mai 2012

The Road to Baku 2012: Der "Ostblock"

Viele westeuropäische Zuschauer_innen des ESC machen sich gerne über die Beiträge der Länder des ehemaligen Ostblock lustig - und auch hier der Vorwurf, dass sie nur deswegen so gut abschneiden, weil sie sich gegenseitig die Punkte schenken. Ruslana aus der Ukraine hat mit ihren "Wild Dances" im Jahre 2004 VERDIENT gewonnen, da hilft kein Lamentieren, da hilft kein Lästern. Eine super Show, eine tolle Frau und einfach ein gutes Lied, das ganz Europa gefiel. Das gleiche Land drei Jahre später: Serka Verduchka, eine Transe, die an Dame Edna erinnert, schafft mit ihrem 7-7-ailulu, 1-2-3-Tanzen, oder wie der Titel lautet "dancing lasha tumbai" den zweiten Platz. Ein toller Auftritt, humorvoll, schrill, aber auch künstlerisch hochwertig, nicht einfach "nur" Trash - solche Auftritte sollte man als westeuropäisches Land erst einmal auf die Beine stellen, bevor man da lästert...




Diesmal sorgt Russland mit seinen "Omis" für solch eine Kuriosität, künstlerisch nicht ganz so hochwertig, humorvoll und "süß" auf jeden Fall. Das Lied wird spalten und hat deswegen kaum Chancen zu gewinnen. Die einen werden es lieben, die anderen hassen. Egal. Die Buranovskiye Babushki sorgen mit ihrer "Party For Everybody" für gute Stimmung und werden den ESC rocken. Das Finale wird locker drin sein.




Mehr Chancen auf den Sieg wird Mandinga mit "Zaleilah" haben, was sich total merkwürdig anhört, denn es ist schon... sagen wir einmal vorsichtig: "billig" und hört sich eher wie ein sehr misslungener Versuch eines Sommerhits an. Aber genau das könnte der unfreiwillig komische Trash sein, der dieses Jahr eine gute Chance gegen die vielen Balladen haben wird, so als Kontrast. Und es erinnert vielleicht eher zufällig an "Nossa...", ihr wisst Bescheid.




Sofi Marinova mit "Love Unlimited", die für Bulgarien startet, scheint auch ein Lied aus den Neunzigern genommen zu haben, mit den Beats von damals und mit der gleichen Aura. Herrlich finde ich das, genauso wie es witzig ist, dass sie "Ich liebe dich" in verschiedenen Sprachen singt, von Türkisch, zu Griechisch zu Spanisch usw. Hat so einen Teenie-Charme. Übelster Trash - doch es ist gerade mein Ohrwurm. 




Moldawien schneidet meist ganz gut ab, dieses Jahr mit Pasha Parfeny und "Lautar" befürchte ich, dass es sogar das Finale überraschend erreichen kann, obwohl mir das Gegenteil lieber wäre. Ein Lied, das mir gar nicht gefällt, viel zu Musical, viel zu billig - und wenn schon: zu wenig Trash dafür. 




Ins Finale und vielleicht viel zu weit vorne landen, könnten die "schönen" Weißrussen, eine Boyband, die vielleicht noch ein bisschen an den stimmlichen Qualitäten arbeiten könnte. Mir gefällt es nicht. Aber wie gesagt: Kandidaten, um ungerechtfertigter Weise mindestens in die Top 15 zu kommen. 




Die Ukraine hat mit mit Gaitana eine sehr gute Sängerin aufgestellt. "Be My Guest" ist nicht so mein Fall, wird auch nicht in die Top Ten kommen, ist mir auch zu "Tekkno" (oder so), aber ins Finale könnte sie es schaffen mit ihrer kräftigen Stimme. 




Ungarn wird ganz gut abschneiden, da bin ich mir ganz sicher. Vielleicht werden sie sich mit der Schweiz ein bisschen um die Punkte streiten, die eine westliche Version von diesem Rock-Stil singen. Compact Disco mit "Sound of our Hearts" finde ich nicht so stark wie die Schweizer Sinplus mit ihrem "Unbreakable" - nichtsdestotrotz werden die Gesetze des ESC die Ungarn nach vorne schieben (glaube ich).




Ist zwar kein Ostblock (aber wenn es nicht auf Deutsch gesungen würde, könnte es sein): Österreich mit den Trackshittaz und ihrem "Woki Mit Deim Popo". Vielen Österreichern selbst peinlich ob der Niveaulosigkeit, gefällt mir das richtig gut. Ich finde es humorvoll, es rockt für mich. Wieso nicht so etwas aus deutschsprachigen Gefilden? Ist aber leider gefährdet, im Halbfinale gleich rauszufliegen. Ich drücke ihnen die Daumen und woki mit meim Popo, wenn sie auftreten. 

Shooting mit Philip Dehm








alle Bilder by Philip Dehm

Montag, 21. Mai 2012

The Road to Baku 2012: Balkan und südlich davon

Light your Fire! Was gab es die letzten Jahre immer wieder für ein Geschrei beim ESC. Der Balkan, der Balkan. Die schieben sich doch immer die Punkte zu! Unverschämt so etwas. Das mag ja sein. Andererseits hatten die ganz unbenommen schöne Lieder. 2007 gewann Marija Sefirovic mit dem Lied "Molitva". Verdient wie auch Fans, die nicht vom Balkan sind, anerkennend zugaben. Željko Joksimović, der dieses Jahr für Serbien antritt, erreichte bereits 2004 für Serbien und Montenegro mit dem wunderschönen "Lane Moje" den sehr guten 2.Platz, zwei Jahre später schickte er Hari Mata Hari mit "Lejla" ins Rennen, ebenso schön und fast genauso erfolgreich: Platz 3. Mit Jelena Tomašević kam er 2008 auf Platz 6, aber... schaffte es trotzdem auf die Bühne. Griechenland und die Türkei gehören zwar einerseits nicht zur Balkan-Connection und haben außer Zypern nicht wirklich viele Freunde - schneiden aber trotzdem immer sehr gut ab. Sertab Erener hat 2003 mit "Everyway That I Can" klar gewonnen. Helena Paparizou hat 2005 mit "My Number One" den Liednamen zum Programm gemacht. Dieser Ethno-Pop ist eben Gesamt-Konsens in Europa - und es hat nichts mit geschenkten Punkten und Freundschaften zu tun. Die beiden Länder schneiden die letzten Jahre immer gut ab, oft unter den Top 5. 




Željko Joksimović und damit Serbien ist ein großer Favorit. Er hat so viele "Credits" bei den Fans des ESC, dass sie eine positive Sieger-Atmosphäre aufbauen werden, die ihn zu einem Start/Ziel-Sieg führen könnte. Er ist auf jeden Fall der Balkan-Star und wird die 12er von den Balkanskis abkriegen. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er diesmal Englisch singen wird. Falls ja rücke ich von meinem Tipp ab. Auf serbokroatisch hört sich das Lied ganz schön an, so episch, aber so viele Englisch-Stunden kann der Mann gar nicht nehmen, dass es sich gut anhört, wenn er es auf Englisch schmettert. :-)




Episch wird es auch bei den Slowenen und damit bei Eva Boto und ihrem "Verjamem". Sie scheint bei den ESC-Fans im Internet ganz gut anzukommen, schließlich ist das auch eines der klassischen Grand Prix-Lieder in diesem Jahr. Sie wird von den Balkan-Ländern auch viele Stimmen kriegen, unwahrscheinlich ist es jedoch, dass sie anderswo viel punkten wird. Da werden sich einige sagen, dass sie ihre Punkte wenn überhaupt lieber nach Serbien geben.
Eine Ballade wird auch aus Kroatien kommen. Nina Badric singt den Titel "Nebo" und wird damit im Halbfinale vermutlich ausscheiden. Kalliopi Bukle aus Mazedonien wird es mit "Crno I Belo" nicht viel anders gehen. Es ist auch nicht sehr schade darum, zu langweilig ist das Ganze. Maya Sar wird mit "Korake Ti Znam" voraussichtlich auch chancenlos sein. Vielleicht hätten Bosnien und Herzegowina lieber Hari Mata Hari aufgestellt, der im nationalen Finale rausflog. 



Als ich von den Skandinaviern schrieb, hatte ich ja schon behauptet, dass dieser ESC witzig ist. "Euro Neuro" vom Rambo Amadeus aus dem Montenegro finde ich humorvoll. Es wird wahrscheinlich Vorletzter, weil der Georgier Anri Jokhadze mit seinem "I'm A Joker" ganz schrecklich ist - es wird einfach sich auf ihn einzuschießen, während Rambo Amadeus vielleicht ein paar Sympathiepunkte erhalten wird. Ich würde mir den Rambo ins Finale wünschen.




Ins Finale wird es auf jeden Fall Zypern schaffen. "La la Love" von der total niedlichen Ivi Adamou wird es locker in die Top Ten schaffen. Es ist ein fast schon "billig" zu nennendes Lied, aber auch ein Ohrwurm. Und ein Lied, das beim ESC sicher ankommen wird. Die ESC-Fans wählen es bis dato immer wieder in ihre Top Ten, oft sogar auf den ersten Platz. Wer weiß, wie sie bei den 120 Millionen ankommt am 26.5. ... Zypern hat noch nie gewonnen, warum nicht das erste Mal ausgerechnet in Aserbaidschan?




Wird Griechenland darunter zu leiden haben, dass es im Moment durch die Wirtschaftskrise und allem, was so damit zusammenhängt, eine böse Stimmung dem Land gegenüber gibt? Oder wird Eleftheria Eleftheriou genug Aphrodisiakum für alle dabei haben und doch in die Top Ten kommen können? Das Lied hat nicht etwa schon mitgemacht, obwohl es auch ein Lied aus den letzten Jahren sein könnte. Mal schauen, wer von den beiden zypriotischen Damen (Eleftheria ist auch von dort) das Rennen machen wird. 




Ich gebe es zu: Es kommt oft vor, dass ich den Türken die Daumen drücke und tatsächlich von meinen vermeintlichen Landsfrauen und -männern abspringe und zu ihnen hüpfe. Nach wie vor ist mein Alleraller-Lieblingslied ever ein Türkisches. Ich liebe den Beitrag aus 2005 von Gülseren "Rimi Rimi Ley":




Aber zurück zu Can Bonomo und sein "Love Back", ein wirklich cooles Lied, mit Chancen in die Top Ten zu kommen oder knapp daran vorbeizuschrammeln. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Roman Lob und er sich gegenseitig Punkte stehlen werden. Aber die Türken selbst mögen Can Bonomo nicht besonders. Wie ein Bekannter von mir sagte, ein ESC-Fan, ist man davon genervt, dass jemand da hingeschickt wird, der aus der jüdischen Gemeinde Istanbuls kommt, mit dem Ziel, die Türkei als multikulturell und weltgewandt zu präsentieren. Und während sie Gülseren damals als "too much" erlebten, nämlich zu viel Folklore, scheint es diesmal ein wenig zu "untürkisch" zu sein, dieser Beitrag von Can Bonomo...