Dienstag, 2. Mai 2017

Yoga-Gefühle auf Burg Fürsteneck


Einen Euro für jede Person, die mir den weisen, wunderbaren Ratschlag gibt, mich besser abzugrenzen und öfter abzuschalten. Wenn ich nicht als Berater für Flüchtlingsfragen angehauen werde, dann als Autor, Verleger, LSBTIQ- oder Kulturaktivist, Juror, Blogger, als Veranstalter, Mensch mit griechischen Wurzeln oder sonst irgendwas. Angefragt werde ich Tag und Nacht. Letzte Woche Donnerstag zum Beispiel: um 23.45 Uhr stehe ich in einem Kabuff in einer Shisha-Bar und werde mit einem komplizierten Fall konfrontiert - ob ich da nicht etwas machen könne. Ich notiere mir die Telefonnummer und das Problem in meinem Kopf. Gehe später nach Hause, schlafe um 3 Uhr ein, um 3.45 Uhr kriege ich eine WhatsApp-Nachricht eines Schützlings mit einer Hiobs-Botschaft. Natürlich lese ich die erst nach dem Aufwachen. Aber ich legte mich mit einem Problem ins Bett, konnte es nachts natürlich im Schlaf nicht lösen, wache morgens auf und habe schon das nächste an der Backe. Ja, abschalten. Doch wie? Ich beschließe dieses Problem des Schützlings seins sein zu lassen und erst einmal zu duschen und zu frühstücken. Ich vergesse beide Probleme sogar, lese in Ruhe meine Emails (Arbeitsbeginn) und schon kommen die nächsten drei vier Anfragen - und ich wünsche mir das Bett herbei und ganz viel Schlaf ... 
Ich möchte mich nicht beschweren, ich möchte kein Mitleid, nicht mal Mitgefühl, denn ich habe mir mein Leben ausgesucht. Mir macht Spaß, was ich mache - und sobald ich etwas an meinem Leben ändere (weniger Stress, weniger Projekte), habe ich das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Im Großen und Ganzen ist alles okay, wie es ist. Ich sage oft: UFF, und fühle mich etwas gestresst. Und dann ziehe ich die Notbremse. Ich nehme mir eine Auszeit. Im Winter hatte ich mehr als vier Wochen frei am Stück. Das hatte ich gebraucht. Und auch jetzt war es wieder so weit! Fünf Tage dieses Mal, aber fünf Tage auf einer Burg - Bildungsurlaub mit Yoga-Stunden, Theorien über Resilienz und Salutogenese. 


Ich musste schmunzeln, als ich auf dem Weg zur Burg dieses Schild sah. Uff, ja, Ufhausen. Als würde ich in Ufhausen leben, so fühlt sich mein Leben oft an. Aber jetzt würde ich ja fünf Tage auf einer Burg verbringen, meine Ruhe haben. Und dann schauen, wie es mir damit geht. Interessant war, wie sehr ich genoss, vier Mal am Tage (immer zu den gleichen festen Zeiten) bemuttert zu werden. Zu jeder Tageszeit gab es Buffet und ich konnte mir das Essen aussuchen. Und es war reichlich. Nicht überlegen müssen: Habe ich etwas von zuhause mitgebracht? Asiate? Zum Metzger? Pizza? Etc. Wie das auf der Arbeit jeden Mittag der Fall war. Oder dann abends jedes Mal: Oh, hast du noch Lust, dir etwas zu machen oder holst du dir was irgendwo, damit du mehr Energie für den Rest des Abends hast? Alltägliche Probleme. Jede/r hat die. Aber wenn ich eh viel zu tun habe, ist das echt anstrengend, diese Entscheidungen zu treffen. Unsere Dozentin Bärbel sagte, dass viele diese Bildungsurlaube auf Burg Fürsteneck wählten, damit sie diesen Luxus des Essens hatten ...
Dann ein Einzelzimmer. Gut, das habe ich zuhause auch. Aber auf einer Burg. Ein paar Schritte nach draußen und ich hatte absolute Pampa - konnte stundenlang spazieren, schöne Landschaften betrachten, alleine sein, auf keine anderen Menschen treffen. Und das genoss ich ebenso. Ich ging spazieren und dann ging ich auf mein Zimmer, duschte heiß, drehte die Heizung auf und begann mich zu entspannen ... Ein Luxus. Ich ging nicht mehr hinunter ins Kaminzimmer, ich traf keine Leute aus meinem Kurs. Es reichte, mit ihnen zu essen und mit ihnen Yoga zu machen. 
Ach so, das Yoga. Mir war es zu viel des Guten! Zu viel Yoga. Ich interessierte mich für die Theorie, ich interessierte mich für die gesundheitsbildenden Aspekte, aber ständig Yoga üben war mir zu anstrengend. :-) Doch ich machte natürlich mit und es tat auch gut. Auch wenn regelmäßig irgendwelche Blockaden auftraten. Ein Kribbeln im linken Arm und in der Hand zum Beispiel, das im ersten Moment etwas Angst machte. Da wollten Verspannungen aus meinem Körper raus und wurden blockiert. Oder so. ;-) Nein, ich habe so einiges über mich und vor allem meinen Körper gelernt. Und einiges nahm ich in mein Leben nach der Burg mit. Yoga ist mehr als dieser berühmte Sonnengruß. Es ist festigen und dehnen und seinem Körper Gutes tun. Aber ohne zu verkrampfen, ohne eine Trend daraus zu machen, ohne Ehrgeiz, ohne Dogmatik. Mithilfe von Yoga kann ich erspüren, wo ich verspannt bin, wo es blockiert und kann dem ein bisschen entgegen treten, kann mich dehnen und strecken und festigen. Außerdem machte mich das Yoga müde - sodass ich ganz viel schlief! <3 font="">
Aber ich habe mir auch viele Gedanken zu meinem Leben gemacht. Reframing inklusive. Mir ist aufgefallen, was alles gut an meiner Arbeitsstelle ist, was ich an Möglichkeiten da habe, die andere Leute in ihren Jobs nicht haben. Ich kann sehr viel mehr mitgestalten, sehr sehr viel mehr - selbst bei meinem Brotjob. Klar, gibt es viele Beschränkungen, Behörden, Ämter, die einem die Arbeit manchmal unmöglich machen, Klient*innen, die einen mit ihren Ansprüchen zur Verzweiflung bringen, aber es gibt auch wunderbare Klient*innen und vor allem eine Teamleitung und einen Chef, die super sind und einen unterstützen, vor allem auch einen anderen Weg zu gehen. Ich kann meine eigenen Entscheidungen treffen zum Beispiel, kann meine eigenen Projekte initiieren. Und bei meinen "eigenen" Projekten außerhalb des Brotjobs habe ich auch so viele Möglichkeiten, mich auszuleben, Sinnhaftigkeit zu erleben. Mein Leben ist vielfältig und wunderschön - und deswegen auch mega-anstrengend. Es ist (sinn)voller als so manches Leben und daher sollte ich mich nicht beschweren. Hätte ich weniger Stress, würde ich mich langweilen. So lange ich mir die Chance gebe, mich immer wieder rauszuziehen wie an diesen fünf Tagen auf der Burg, wird alles gut sein. :-)
































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